Paula Stracke KoCoS

Wie war dein beruflicher Start in Waldeck-Frankenberg, Paula Miranda-Stracke?

Fast zwei Jahre lang führte sie eine Fernbeziehung zwischen São Paulo und Goddelsheim, 2016 zog Paula zu ihrem Ehemann nach Waldeck-Frankenberg. Was der Brasilianerin half, in der deutschen Arbeitswelt Fuß zu fassen, erzählt sie im Interview.

 

Liebe Paula, auf Reisen hast du deinen Mann Jan kennen und lieben gelernt. Dann hast du für ihn den Kontinent gewechselt und bist von einer der bevölkerungsreichsten Städte der Welt in einen 1.000-Seelen-Ort gezogen. Wie war das für dich?

Zwischen São Paulo und Goddelsheim liegen Welten. Aber das war keine Überraschung für mich: Ich hatte meinen Mann vorher schon einmal besucht und bin gleich drei Monate geblieben. So kannte ich seine Familie und Freunde, die Region und das Dorf bereits. Trotzdem war und ist es nicht einfach. Am meisten vermisse ich natürlich meine Familie und Freunde, aber auch die vielen kulturellen Veranstaltungen, die eine Großstadt bietet. Ich habe als Kulturjournalistin gearbeitet. Konzert- und Theaterbesuche gehörten also zu meinem Beruf.

 

Mit deinem Umzug nach Deutschland hast du deinen Beruf und deine Branche gewechselt. Wie war das für dich?

Journalisten müssen gut mit Sprache umgehen können, doch als ich herzog, sprach ich fast kein Wort Deutsch. Also habe ich erstmal mehrere Sprachkurse an der USB (Union Sprache und Bildung) und der Volkshochschule gemacht. Dann habe ich angefangen Englisch-Nachhilfe beim Studienkreis und Spanischkurse an der VHS zu geben. Für Analyticon habe ich Texte ins Spanische und Portugiesische übersetzt. Außerdem fand ich einen Vollzeitjob im internationalen Vertrieb bei KoCoS, wo ich seit 2017 arbeite.

 

Eine mutige Entscheidung. Was hat dir in der Anfangszeit geholfen, beruflich Fuß zu fassen?

Am wichtigsten war für mich der Rückhalt meines Mannes und seiner Familie. Sie haben mich sehr unterstützt. Nicht nur mit der fremden Sprache, sondern auch mit ihren Beziehungen. Gegenüber anderen Auswanderern hatte ich einen großen Vorteil, denn ich kannte direkt viele Einheimische und konnte von ihrem großen Netzwerk profitieren. Auch im Berufsalltag habe ich viel Positives erlebt.

Obwohl  ich mich nicht gut ausdrücken konnte, waren die meisten Kollegen sehr nett und haben mir geholfen. Selbst wenn ich in Situationen, in denen es nicht unbedingt angebracht war, jemanden geduzt oder umarmt habe, waren alle verständnisvoll. Über viele meiner Deutschfehler lachen wir auch heute noch gemeinsam.

 

Und anscheinend hast du immer das Beste aus deinen Möglichkeiten gemacht.

Da muss ich dir zustimmen und ich hoffe, dass ich mich ständig weiterentwickeln kann. Wer aufgeschlossen gegenüber Neuem ist, flexibel und sich auf Herausforderungen einlässt, der kann in einem anderen Land schnell auch beruflich ankommen. Ich hatte vorher noch nie unterrichtet und bin dann hier mit dem ersten Spanischkurs, den ich gegeben hab, ins kalte Wasser gesprungen. Ich war sehr nervös vor der ersten Stunde, aber als die gut lief, hat es sehr viel Spaß gemacht. Meistens hilft es, nicht zu lange über alles nachzudenken, sondern es einfach auszuprobieren. Man kann aus jeder positiven oder negativen Erfahrung etwas gewinnen, wenn man seine Angst abschüttelt und seine Komfortzone verlässt.

 

Das ist ein guter Tipp für alle, die Land oder Beruf wechseln wollen. Welche Unterschiede zwischen den Ländern sind dir noch aufgefallen?

Ich fühle mich in Deutschland sehr sicher. In São Paulo kann es manchmal gefährlich sein, als Frau nachts allein rauszugehen. Hier kennen sich alle. Selbst wenn ich mal vergesse, das Auto abzuschließen, ist es am nächsten Morgen noch da. Das wäre in Brasilien anders. (lacht)

Dafür sind viele Deutsche verschlossener und distanzierter. Das klingt nach einem Klischee, aber Brasilianer umarmen und küssen öfter. Das andere große Klischee, der deutschen Pünktlichkeit, mag ich. Bei einem Treffen mit Freunden zur richtigen Zeit da zu sein, bedeutet auch, die Zeit des anderen wertzuschätzen. Wenn ich in Brasilien zum Treffen mit einer Freundin im Park verabredet bin, habe ich immer ein Buch dabei, weil ich weiß, dass sie mindestens 30 Minuten zu spät sein wird.

Das ist eine nette Auslegung der deutschen Spießigkeit. Danke für das Interview.

 

Paula Stracke KoCoS

Zur Person

PAULA TERESA MIRANDA-STRACKE (Geb. Geronimo Miranda)

Jahrgang 1989

Ich arbeite im internationalen Vertrieb bei der KoCoS Messtechnik AG in Korbach

Studiert habe ich Journalismus an der Cásper Líbero in São Paulo

Mein Zuhause ist Goddelsheim, was sich anfühlt wie eine zweite Heimat

Meine Heimat ist São Paulo, das immer mein sicherer Hafen bleiben wird

Mein Lieblingsort in Waldeck-Frankenberg ist überall wo ich einen schönen Ausblick genießen und relaxen kann. Am besten gefällt mir die Liegebank auf dem Eisenberg in Goldhausen.